Buchrezension: „Mantrailing -Wissenschaft und Praxis“

Neue Kapitel im Mantrailing

Ich bin ja nach wie vor der Ansicht,  dass im Mantrailing noch lange nicht alle Kapitel geschrieben sind. Ein paar neue sind durch dieses Buch von Diana Peters und Patrick Atamaniuk dazu gekommen. Und die sind definitiv lesenswert. Überhaupt ist dieses Buch so ganz anders als die Mantrailing Bücher, die ich bisher in den Händen hatte. Wer dieses Buch liest, dem zeigt sich, wie sehr sich das Thema Mantrailing in den letzten Jahren entwickelt hat. Und obwohl diese Hundearbeit aus den USA stammt, ist es nicht nur Zufall, dass inzwischen die Mantrailing Bücher mit den  aktuellsten Erkenntnissen zuerst in Deutsch erscheinen.

Sauberer Stil

12657175_993333740738204_1649750428202909798_oDieses Buch hebt sich sehr angenehm ab von der sonstigen Mantrailing Literatur. Im Gegensatz zu vielen anderen, betreiben Diana und Patrick hier keine Selbstdarstellung ihrer Trainingsphilosophie. Statt dessen zeigen sie in Ihrem Buch, wie sie die unterschiedlichen Trainingsansätze, die sie bei verschiedenen Trainern kennen gelernt haben, zu einem für sie stimmigen Konzept neu arrangiert haben und wo sie eigene Erfahrungen einfließen ließen. Und sie verweisen ehrlicherweise namentlich auf die Menschen, die sie beeinflusst haben. Auch das ist etwas, was ich persönlich für einen guten Stil halte, der leider viel zu oft vernachlässigt wird. Und so findet man in diesem Buch einen interessanten Remix der sich aus eigenen Erfahrungen der Autoren sowie Trainingsansätzen von Alun Williams, Kevin Kocher oder Gabriella Trautman (um nur ein paar Namen zu nennen) zusammensetzt. Wer aber glaubt, hier ein zweites Kevin-Kocher-Buch zu lesen liegt weit daneben; man ist zwar manchmal an bekannte Methoden erinnert, aber die Autoren gehen weit darüber hinaus.

"Mantrailing - Wissenschaft und Praxis: mit praktischem Trainingsleitfaden"
von Diana A. Peters und Patrick Atamaniuk
Taschenbuch: 300 Seiten | Verlag: tredition (14. Januar 2016)
ISBN-13: 978-3734500626

Sauberes Handwerk

Und damit bin ich auch schon beim zweiten wesentlichen Unterschied zu der übrigen Literatur im Mantrailing: Die Autoren haben sich ausgesprochen viel Arbeit damit gemacht, die Aussagen in ihrem Buch durch entsprechende Quellenangaben aus der kynologischen Literatur sowie durch Verweise auf aktuelle wissenschaftliche Studien, fachlich sauber zu untermauern. Andere Mantrailing Bücher fassen die Theorien und Hypothesen eines einzelnen Trainers zusammen aber lassen den Leser am Ende allein: er kann den beschriebenen Ansatz vielleicht nachvollziehen, aber am Ende muss er irgendwie dem Autor Glauben schenken (oder nicht). Nicht so bei diesem Buch: Über zehn Seiten umfasst der Quellennachweis am Ende des Buches. Zum Teil bis zu vier Fußnoten auf jeder Seite geben dem Leser die Möglichkeit den Trainingsansatz auf den entsprechenden wissenschaftlichen Ursprung zu verfolgen. Und so beginnt am Ende des Buches das eigentliche Lesen der ursprünglichen Quellen und bietet einem damit die Möglichkeit, bestimmte Aspekte, die einen besonders interessieren, weiter zu vertiefen. Von dem Buch hat man also wirklich was; auch nach dem letzten Kapitel.

Aktuelle Erkenntnisse

So ist es nicht verwunderlich, dass die Autoren durch ihre umfassende Literaturrecherche auch aktuelle Forschungen und Erkenntnisse einfließen lassen konnten. Wo sonst der theoretische Teil in Mantrailbüchern entweder ganz weg bleibt und man sich fragt, ob dem Autor ganz einfach die theoretischen Grundlagen fehlen, ist der theoretische Teil über den Geruch, seine Natur, seine Entstehung, seine Verarbeitung durch den Hund in diesem Buch ausgesprochen vertieft und spannend. Einige Dinge haben die Autoren so in einen Kontext zur Praxis gebracht, die mich verblüfft hat. So wurde mir beispielsweise sehr plastisch vor Augen geführt, welche Probleme der Hund bei alten Trails haben könnte und weshalb er sie dennoch lösen kann, auch wenn die geruchliche Information nur noch unvollständig vor liegt. Ich würde mir wünschen, die Autoren lassen auch in Zukunft nicht nach, sondern beobachten die weiteren wissenschaftlichen Erkenntnisse genau und lassen dies in zukünftige Auflagen aktuell einfließen. So könnte die eine oder andere Ungereimtheit, veraltete Erkenntnis (zum Beispiel das Zwillingsproblem) oder Quelle, die der eine oder andere Leser vielleicht bemerkt, ausgebessert werden. Da die Autoren mit ihrem Quellenverweis wirklich vorbildlich unter den Mantrailbüchern die Nase vorn haben, sind die genannten Marginalitäten, nicht erwähnenswert und sicher in der zweiten Auflage getilgt.  Was zudem auffällt ist, dass die Autoren offensichtlich ihr theoretisches Handwerk gelernt haben: endlich mal ein Buch, was zum Beispiel korrekt mit den Begrifflichkeiten wie Single Blind, Double Blind und Tripple Blind ohne Unfall umgeht.

Differenzierendes Trainingsbuch

Im Grunde besteht das Buch aus drei logischen Teilen. Dem oben beschriebenen theoretischen Teil, den folgenden praktischen Trainingsaufbau und einem Dritten Teil, der viele verschiedene Trainingsszenarien in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden beschreibt. (die Autoren haben tatsächlich das Buch in nur zwei Teile aufgeteilt aber logisch ergeben sich drei)

Auch die Beschreibung des praktischen Trainingsaufbaus ist wirklich lesenswert. Unabhängig von der jeweiligen Traininsgphilosophie des Lesers bleiben die Autoren neutral und beschreiben und begründen sehr sachlich die Vor- und Nachteile bestimmter Trainingsansätze. So ist es dem Leser möglich, für sich zu entscheiden, welchen Trainingsansatz er in der jeweiligen Trainingsphase verfolgen möchte und warum. Beispiel Doppelblind: Es wird hier sehr differenziert darauf eingegangen, ob und ggf, was der Hund überhaupt in einem solchen Training lernt und ab welcher Lernphase ein solches Training Sinn macht. Dabei ist es egal, welcher Ansicht man nun verfolgt, ob man Doppelblindtrainings mag oder lieber ablehnt; den Ausführungen der Autoren kann jeder gut folgen und seine eigenen Schlüsse für das Training daraus ziehen. Insgesamt ist der Trainingsaufbau umfassend und stimmig und es findet sich sowohl der Anfänger als auch der Fortgeschrittene schnell zurecht und bekommt kompetente Impulse für sein Training.

Vielen Dank an Diana und Patrick, die hier ein empfehlenswertes und lesenswertes Buch geschrieben haben. Ein sehr gutes Buch  für alle, die einen guten Überblick über die theoretischen Grundlagen im Mantrailing haben wollen, aber auch eine neutrale sachliche Darstellung der möglichen Trainingsmethoden suchen.