Buchrezension: „The Tao of Trailing“, Jeff Schettler, 2015

Bereits drei Bücher hatte Jeff veröffentlicht und nun sollte ein viertes und letztes folgen. Entsprechend neugierig haben wir uns eines der ersten Exemplare bestellt und die freien Ostertage genutzt, für die knapp 240 Seiten englische Literatur.

20150402_172651_resizedDer Titel ist vielversprechend: „Tao“ beziehungsweise „Dào“ bedeutete in der klassischen Zeit Chinas „der rechte Weg“. Die Wikipedia beschreibt das Dao als eine Art von transzendenter höchster Wirklichkeit und Wahrheit. http://de.wikipedia.org/wiki/Dao
Der Titel suggeriert also nicht weniger, als mit dem Buch die Erleuchtung im Mantrailing in den Händen zu halten. Man ist gespannt und wendet sich dem eigentlichen Inhalt zu.

Der Inhalt hat mich überrascht: Zwei Kapitel, die mich ursprünglich überhaupt nicht interessierten, haben mir am Ende sehr gut gefallen. Dagegen haben mich zwei Kapitel enttäuscht, auf die ich besonders gespannt war.

 Zuerst das Positive:

Im ersten Kapitel beschäftigt sich Jeff mit dem Startritual. Dort benennt und korrigiert er eigene Fehler, die er bei der Beschreibung des Startrituals in seinem ersten Buch begangen hat. Ein schöner Zug, den nur wenige gute Trainer fertig bringen. Allzu oft begegnet man Experten, die lieber eigene Fehler schönreden als sich einen Zacken aus der Krone zu brechen. Er beschreibt, dass seine lückenhaften Erläuterungen dazu geführt hätten, dass der Hund zu früh am Start den Geruchsartikel präsentiert bekam. Es ist uns allerdings der Grund verschlossen geblieben, weshalb eine zu frühe Präsentation des Geruchsartikels vor dem Start zu Fehlstarts führen soll. Angeblich verliere dadurch der Hund das Interesse am Scent. Verständlich wird es mit der Begründung aber nicht.
Dennoch: Eigene Fehler zu benennen und das gleich im ersten Kapitel ist selten zu finden in der Szene; man freut sich auf die nächsten Kapitel.
Das Kapitel „Scent Article start“ beschäftigt sich mit der Methode der besten Präsentation des Geruchsträgers. Jeff legt hier Wert auf eine Präsentation des Geruchsstoffs auf eine Art und Weise, die dazu führen soll, dass der Hund größtes Interesse entwickelt, am Geruchsträger anzuriechen. Die Tüte-über-die-Schnauze-Methode sei abzulehnen, da hier oft das Gegenteil, nämlich einer Aversion gegenüber dem Scent Artikel entstehe. Leider bietet er keine Trainingsalternativen an, um diese sehr sichere Geruchsaufnahme ohne Aversion zu trainieren. Auch bleibt er dem Leser eine Antwort schuldig, wie bei sehr kleinen oder sehr schwachen Geruchsträgern eine Geruchsaufnahme sichergestellt werden kann.
Dennoch: Jeff beschreibt hier sehr schön den korrekten Aufbau eines Junghundes durch angreizte Trails und betont hier für meinen Geschmack sehr deutlich, worauf hier geachtet werden sollte. Insbesondere der häufige Fehler, dass der Hund am Anfang durch zu langen Sichtkontakt zur Versteckperson viel zu spät bis nie die Nase einsetzen muss um sein Ziel zu erreichen, wird deutlich herausgehoben. Schön finde ich zudem, dass Jeff den angreizten Trail auch als wesentlichen Faktor zur Motivation auch erfahrener Hunde einsetzt. Nicht immer, aber immer mal wieder.
Passend zur Motivationsübung Fire Trails widmet Jeff in seinem Buch ein weiteres Kapitel dem Thema Bestätigung bei der Versteckperson und geht hier anschaulich auf diese zentrale Komponente ein, die leider zu oft durch schlecht geschulte Helfer vernachlässigt wird. Ein Kapitel, dass man in Kopie mal gut seinem Helfer zur Lektüre zum nächsten Training mit geben kann.
Und noch ein wichtiges Thema spricht Jeff in seinem Buch sehr schön an: Hundeführer, die Ihren Hund durch Ihr Verhalten lenken. Nicht nur die subtilen Körpersignale spricht er an, die noch nicht einmal der Hundeführer selbst bemerkt. Sondern vor allem die gewollten Korrekturen, bei denen der Hundeführer den Hund auf den vermeintlich richtigen Trail lenken will. Sehr konsequent und einleuchtend erläutert er in einem ganzen Kapitel, dass diese Korrekturen zu vermeiden sind und wie der Hundeführer einen optimalen Lernraum für seinen Hund schaffen kann, der gekennzeichnet ist durch ein exaktes Timing von Belohnung, Motivation und dosierten Korrekturen auf dem Trail. Ein Lernraum mit den oben beschriebenen drei Leitplanken, der dem Hund die Freiheit lässt, selbständig fokussiert einen Trail von A bis Z abzuarbeiten, ohne vom Hundeführer gelenkt zu werden. Ein Kapitel, dass man Anfängern gleich in der ersten Stunden mitgeben sollte, damit Ihnen das Lernkonzept auf dem Trail in Fleisch und Blut übergehen kann. Allerdings beschreibt Jeff bei den möglichen Korreturen auch die gefährlichen und oft falsch eingesetzen Komponenten Leinenruck und Zurückhalten des Hundes. Diese werden meiner Ansicht nach viel zu oft mißverstanden und falsch eingesetzt und führen schnell zu eben dem gelenkten Hund, der doch eigentlich vermieden werden sollte. Die richtige Anwendung dieser beiden Korrekturen hätte entweder korret beschrieben werden sollen oder sollte lieber gleich weggelassen werden. So aber sind Mißverständnisse und fehlerhafte Trainings vorprogrammiert, die vermeidbar wären.

Dann das Negative:

Das dritte Kapitel mit dem Titel „Doppelblind Tests und Training“ versprach spannend zu werden. Jeff Schettler sticht in der Szene heraus mit zwei zentralen Thesen, die er immer wieder einem Mantra gleich wiederholt: Wahres Training sei nur durch Doppelblind Training gekennzeichnet und es gebe einen definierten zeitlichen Bereich jenseits von 24 Stunden, in dem ein Hund nicht mehr zuverlässig Individualgeruchsspuren verfolgen könne. Bei Ihm sind diese beiden Thesen eng miteinander verknüpft mit der Hypothese, dass jeder Hundeführer diese Grenze selbst erfahren könne, wenn er nur ehrlich zu sich selbst in einem DB-Test die eigenen und die Fähigkeiten des Hundes überprüfen würde. Daher verwundert es nicht, dass in diesem Kapitel gleich zu Beginn entsprechend stark polarisiert wird mit Thesen wie:

„The fact of the matter is that search and rescue-trailing dogs rarely find what they are searching for … The reality of the situation is that trailing dogs rarely find people on trails older than 24 hours and K9 scent discrimination, though very possible has proven to be less than reliable in actual scientific tests. (Seite 24)“
Leider wird der Autor hier in einer seiner zentralen Thesen handwerklich unsauber und vergisst, seine Behauptungen mit Quellenangaben auf wissenschaftliche Tests oder mit Literaturhinweisen zu belegen. Dies ist vor allem deshalb problematisch, da der Autor selbst wissenschaftliche Methodik bei der Beurteilung Canider Fähigkeiten propagiert und Hinweise auf anders lautende Erfahrungen jenseits der 24 Stunden als Scharlatanerie abwertet. Das ist schade und hinterlässt einen unbefriedigten Leser, der nicht bekommt, was ihm versprochen wird.
Statt dessen werden entsprechende Erfolge in Realeinsätzen auf Phantasie, Glück, Hochwind und viele andere Faktoren als eine korrekte Ausarbeitung einer alten Spur zurückgeführt. Und auch hier fehlen jegliche Belege auf Studien, Tests oder Literatur. Dass diese Annahmen von Jeff nicht notwendiger Weise zwingend ist, wird in vielen Studien belegt.

Aber Jeff Schettler wäre nicht Jeff Schettler, wenn er nicht ein sicheres Gespür dafür hätte, Thesen aufzustellen, die ein Garant dafür sind, heißen Gesprächsstoff für viele Abende zu liefern. In Kapitel Acht seines Buches kommt er recht schnell zum Punkt und stellt die steile These auf, Mantrailer sollten als erstes auf weichem Grund aufgebaut werden, um möglichst früh zu lernen, mit tiefer Nase zu arbeiten. Es sei veralteten deutschen Trainingsmethoden zu verdanken, dass nach wie vor der Irrtum vorherrsche, weicher Untergrund produziere Hunde, die nicht mit Individualgeruch sondern nur mit der Bodenverletzung arbeiten könnten. Nach Jeffs Ansicht sieht die Welt tatsächlich anders aus: Hunde, die zu früh ausschließlich auf Asphalt antrainiert werden, seien prädestiniert dazu, gelenkte Stöberhunde zu werden, die ausschließlich mit hoher Nase Ihr Ziel im Hochwind aber nie mit dem Trail finden könnten. Interessanterweise belegt er diese Erkenntnis wiederum nur durch Erfahrung ohne Nennung weiterer Erkenntnisquellen und untermauert dies mit der Vermutung, auf Asphalt würde Geruch zu sehr zerstreut und damit der Trail zu schwer zu lokalisieren für den jungen Hund.

„I believe that putting trailing puppies on pavement or an urban environment too soon is a grave error and results in producing a guided, air scent dog.[…] The indicators of this are dogs who work primarily head up, looking around, mouth wide open and moving fast, and who are very sensitive to every time the handler puts pressure or directional guidance on the trailing lead. […] Well, I am sorry but dogs following ground scent in a difficult, contaminated condition do not rail heads up. (Seite 71)“

Wie das im Verhältnis zu seiner eigenen Feststellung steht, niemand könne wissen, wie sich Geruch verhalte, bleibt dem Leser verborgen. Leider setzt sich der Autor zudem gerade an dieser zentralen These nicht mit den anderen Ausbildungsmethoden kritisch auseinander und diskutiert auch nicht mögliche andere Gründe wie zum Beispiel rassetypische Unterschiede zwischen den von Ihm favorisierten Bloodhounds und Gebirgsschweißhunden und anderen Rassen, die eher typisch mit hoher Nase sehr spurtreu Trails abarbeiten können. So bleibt letztlich auch in diesem zentralen und diskussionswürdigen Teil des Buches seine These unbelegt im Raume stehen und der Leser darf der Erfahrung des Autors glauben oder nicht. Allerdings scheinen Studien durchaus einem Teil seiner Aussagen recht zu geben: Unter bestimmten Voraussetzungen arbeiten Hunde auf bewachsenem Untergrund spurtreuer, was zumindest die Annahme zulässt, dass ein Training auf diesem Untergrund den Hund auch besser schult, dichter am Trail zu arbeiten. Das konnte aber bisher nicht bestätigt werden.

A props steile Thesen: Wenige Kapitel später in Kapitel Zwölf mit dem Titel „The Trouble with Age“ stoßen wir wieder auf den roten Faden bezüglich der Unmöglichkeit von Trails jenseits der 24 Stunden. Jeff wiederholt, was er zuvor bereits diesbezüglich gebetsmühlenartig (ähnlich wie Don Quichotte, wie er schreibt) erklärte. Das einzig Erwähnenswerte ist hier der Hinweis darauf, dass seine Erkenntnis auf Tests mit hunderten von Mantrailern beruhe. Und jetzt kommts: Über diese Tests habe er aber leider selber nie korrekte Aufzeichnungen geführt. Nun, das mag ehrlich sein, es macht aber am Ende die Behauptung noch weniger glaubwürdig.

„My opinion is based on working and testing hundreds of dogs. […] I must say that my tests were never meant to be part of a thesis or scientific experiment. In hinsight, my tests evolved with time and I did not keep the records that I should have. Now, I wish I had standardized my process better and documented everything with a higher degree of deteil and accuracy. (Seite 130)“

Sehr ausführliche Kapitel beschäftigen sich noch mit Geruchspools und entsprechender Szenarien, die man gut in sein eigenes Training einbauen kann. Es werden einige Einsatzszenarien durchgespielt, die hauptsächlich für den Polizeieinsatz interessant sein könnten. Die Empfehlungen für die Anwendung von Stachelhalsbändern im Training sollten nicht unerwähnt bleiben (Dies ist zum Glück wenigstens in der Schweiz und Österreich gesetzlich verboten). Ein kleines Kapitel über schwierige Auffindesituationen, die Aufgabe des Flankers und sogar ein Ratschlag für ein persönliches Fittnesstraining schließen das Buch ab.

Fazit:

Abschließend lässt sich sagen, dass Jeff in seinem Buch ein paar interessante Denkansätze verfolgt. Es ist kurzweilig und leicht geschrieben, auch für diejenigen, die nicht gut Englisch sprechen. Seine Sprache ist einfach lesbar und der Inhalt durch viele Wiederholungen leicht zu erfassen. Jedoch bleibt Jeff in seinen zentralen Thesen dem Leser jegliche Belege und Quellen schuldig und führt interessante Trainingsansätze nicht hinreichend aus. Um diese im eigenen Training korrekt zu implementieren benötigt es hinreichendes Vorwissen. Insbesondere der Mangel an Belegen und Quellenangaben für seine Behauptungen und sehr steilen Thesen ist verwunderlich, da gerade er mit DB-Tests einen wissenschaftlichen Ansatz fordert, dem er selbst nicht mal im Ansatz in seinem Buch gerecht wird. Allerdings ist dies ein Kritikpunkt, der oft in der Mantrailing Literatur anzubringen ist. Quellenangaben und Nachweise für Erfahrungswerte werden zukünftig gefordert sein, damit sich Trainingsansätze nicht nur auf bloße Erfahrungswerte stützen. Empfehlenswert finde ich das Buch nicht aber es war interessant zu lesen, wie Jeff seine Ansichten begründet.

Update 2. August 2016: Es gibt inzwischen den Nachweis, dass Hunde auf bewachsenem Untergrund spurtreuer arbeiten als in der Stadt. Insofern haben wir die Kritik entsprechend angepasst, da dies Jeffs Beobachtungen bestätigt. (Wolf 2016, Seite 192: „… jedoch werden in der Stadt hochsignifikant mehr
Fährten über Hochwitterung gefunden.“). Demgegenüber wurde durch die gleiche Arbeit die These von Jeff bezüglich alter Trails widerlegt.