Buchrezension: „Wie Hunde lernen“ – Katrin Kolbe

„Wie Hunde lernen“, Katrin Kolbe, Oertel+Spörer Verlag, 2016, 162 Seiten, Hardcover

„Warum hatte eigentlich bisher noch niemand dieses Buch geschrieben?“, fragte ich mich, nachdem ich das neue Buch von Katrin Kolbe „Wie Hunde lernen“ durchgelesen hatte. Es gibt gefühlte 100.000 Bücher über Hundeerziehung. Bücher in denen beschrieben wird, wie man einem Hund beibringt, was er können soll. Unzählige Tranings- und Erziehungsratgeber stehen einem mit umfangreichen Handlungsanweisungen zur Seite.

Aber was, wenn nicht funktioniert, was der Standardratgeber vorgibt? Was soll man als Hundebesitzer tun, wenn der eigene Hund einfach etwas anders tickt, als der Idealhund? Wie kann man als Trainer effektiv reagieren, wenn bereits in die falsche Richtung trainiert wurde? Dann muss man wissen, welche Lernmechanismen im Hund wirken. Dann muss man verstehen und hinterfragen können, warum bestimmte Lerntechniken beim Hund effektiv sind und andere wiederum nicht. Dann braucht man so ein ganz und gar grundlegendes Werk zum Thema „Lernen“, wie das von Katrin Kolbe. Nur wer versteht wie Lernen im Hund funktioniert, wird auch in scheinbar ausweglosen Sackgassen seinem Hund vermitteln können, was von ihm gefordert wird. Nur wer weiß, wie ein Hund lernt, kann den richtigen Zugang zu seinem Hund finden.

Katrin hat es geschafft, in ihrem Buch alle bisher bekannten Lernmechanismen des Hundes strukturiert und leicht verständlich zusammen zu fassen. Alte Bekannte, wie die klassische Konditionierung kommen darin ebenso vor, wie neuere Lernkonzepte wie Spiegeln und Nachahmung. Sie erklärt alle wichtigen hormonellen und neurophysiologischen Vorgänge, die entscheidend sind um zu verstehen, warum der Hund so und nicht anders lernt. Dabei bleibt Sie immer leicht verständlich, gleitet nie zu sehr ins Theoretische ab, aber ist stets auf dem aktuellen wissenschaftlichen Stand des Lernverhaltens des Hundes.

IMG_20160727_231357212Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt: Genetische Veranlagung, Prägung, hormonelle Zusammenhänge bei Erfolg, Misserfolg und Stress, Empowerment, primäre und sekundäre Verstärker, Belohnung durch Futter oder Spiel, intermediäre Brücken, Auszeit, Shaping, Intervalltraining, Verhaltensketten, intrinsische und extrinsische Motivation, selbstbelohnendes Verhalten, Signale, Ablenkungen, Lernkurven, Pausen und Trainingsplanung sind nur einige der vielen Tools, die sich in diesem Buch befinden, um mit dem Hund das richtige Training für die gestellte Aufgabe zu finden. Dabei lässt sie kein wichtiges Thema aus und spricht auch die oft übersehen gesundheitlichen Lernhindernisse an.

Dabei ist das Buch immer spannend und leicht zu lesen. Anhand von Beispielen aus dem eigenen Training, beschreibt Katrin, in welchen Situationen die Lernmechanismen im Hund genutzt werden können, um unerwünschtes Verhalten durch erwünschten Trainingserfolg zu ersetzen. Dabei legt sie besonderes Augenmerk auf das Training von Rettungshunden im Mantrailing, in der Fläche und in der Trümmersuche. Aber das Buch ist kein Rettungshundebuch. Es ist in erster Linie ein Werkzeugkasten, den jeder Hundebesitzer und jeder Trainer stets präsent haben sollte. Und keine Angst: Katrin hat es geschafft, die Themen kurz, knapp und prägnant auf nur 150 DIN A5 Seiten zusammen zu fassen. Das passt in jede Trainingstasche. Und da gehört es auch rein.

Katrin löst mit diesem Buch Ihr Versprechen aus dem Vorwort ein, wenn Sie schreibt: „Mit dem Wissen um den Inhalt dieses Buches sollen Sie, liebe Ausbildende, Hundeführer und -besitzer, die Lerngesetze kennen und optimal in der Praxis umsetzen können. Sie sollen sich klar darüber werden, was während des Trainings geschieht. Dadurch erwerben Sie die Kompetenz, selbst zu entscheiden, ob Sie diese Art des Umgangs mit Ihrem Hund so wollen oder nicht. Sie sollen unabhängig von dogmatischen Lehrmeinungen werden, indem Sie nach der Lektüre dieses Buches in der Lage sind, eine Trainingsanweisung bzw. die ihr übergeordnete Philosophie fachlich korrekt zu beurteilen. Dies gibt Ihnen ein großes Stück mehr Selbstständigkeit im Umgang mit Ihrem Hund. Durch die Kenntnisse über die Denkweise des Hundes wissen Sie in Zukunft genau, welche Konsequenzen Ihr Handeln für das Training hat. Und schließlich sollen Sie  in der Lage sein, sich selbst aktiv in die Planung und Durchführung der Hundeausbildung mit einzubringen.“. Empowerment ist der Rote Faden, der sich durch das ganze Buch zieht.

Wer dieses Buch liest, wird es immer wieder lesen, denn es gibt einem immer genau dann Auskunft, wenn man in einer Sackgasse beim Training angelangt ist. Und alle anderen finden hier einen wahren Schatz an Anregungen, wie sie ihr Training noch besser und effektiver variieren können.

Wer mit seinem Hund trainiert, der sollte wirklich dieses Buch haben. Noch vor allen anderen.