Empowerment im Mantrailing

Gestern habe ich mich zu einem Tenniskurs angemeldet und heute hatte ich gleich meine erste Stunde. Noch bevor die Stunde begann, wurden wir Tennisschüler aufgeklärt und eingenordet: Spielen dürften wir nur in den wöchentlichen Tennisstunden. Keinesfalls käme ein Freundschaftsspiel außerhalb der Kursstunden in Frage. Man könne sich eine falsche Rückhand angewöhnen oder sogar den eigenen Schläger beschädigen. Auf meine Frage, wie man denn wesentliche Fortschritte im Tennisspielen machen könne, wenn man nicht auch privat trainiere, kam die lapidare Antwort, man könne ja an seiner Kondition arbeiten und unter der Woche ein paar Kilometer auf dem Laufband zurücklegen.

Was im Tennis nach einer unglaublichen Geschichte klingt ist im Mantrailing sehr oft eine traurige Realität: Der Sommer hat noch nicht richtig begonnen und in unseren Kursen sind bereits zwei neue Teilnehmer, die genau dies von ihrem bisherigen Mantrail-Training berichten.

Es wurde ihnen ausdrücklich untersagt, außerhalb der Kursstunden mit ihrem Hund zu trainieren. Und das sind keineswegs Einzelfälle. Es scheint eine nicht unerhebliche Anzahl an Trainern zu geben, die diese Anweisung an ihre Kursteilnehmer geben. In vielen Rettungshundestaffeln ist diese Unsitte leider immer noch gelebte Kultur. Über die Gründe könnte ich nur spekulieren; aber das will ich gar nicht.

8864018481_3071c20714_oStattdessen möchte ich lieber gute Gründe dafür nennen, warum wir diese Anweisung in unserem im Training nicht geben. Im Gegenteil! Wir sind der Ansicht, dass ein Trainer seinen Kursteilnehmern jegliches Handwerkszeug in die Hand geben sollte. Es ist für uns wichtig, dass diese so schnell wie möglich selbstständig trainieren und so ihre und die Fähigkeiten ihrer Hunde verbessern können. Und sollten sich unsere Kursteilnehmer zu einem privaten Trailen außerhalb der Kursstunden treffen: noch viel besser! Nur so können sie lernen, ihre PS auf die Straße zu bekommen.

Natürlich passieren dabei Fehler und es schleichen sich falsche Arbeitsweisen ein – aber das gehört zum Lernen dazu! Denn es ist meine Aufgabe als Trainer und Coach, dies sicher beim nächsten Training zu entdecken, darauf hinzuweisen, die Fehlerquelle zu identifizieren und Abhilfe zu schaffen. Nur so kann ich sicher sein, dass nachhaltiges Lernen in unseren Kursen entsteht.

Empowerment ist hier das entscheidende Schlüsselwort. „Unter Empowerment  (wörtlich übersetzt: Ermächtigung, Übertragung von Verantwortung) versteht man die Kompetenz, die Kontrolle über eine Situation zu übernehmen und selbst zu entscheiden, wie es nun weiter gehen soll.“ (Katrin Kolbe, Wie Hunde lernen, 2016) „Voraussetzungen für Empowerment sind: eine Vertrauenskultur und die Bereitschaft zur Übertragung von Verantwortung, eine entsprechende Qualifizierung und passende Kommunikation.“ (Wikipedia) Ein Trainer sollte seinen Kursteilnehmern zutrauen, ihr eigenes Training nach bestem Wissen und Gewissen und auf Basis des Erlernten umzusetzen. Ebenso sollte ein Kursteilnehmer nur dem Trainer vertrauen, der die Fähigkeit besitzt, diese Qualifizierung auf seine Kursteilnehmer zu übertragen. Alles andere wäre die Kultivierung von Abhängigkeiten. Und das kann nicht das Ziel sein. Zumindest nicht das Ziel eines guten Hundetrainings.

Letzendlich ist das Ziel im Mantrailing das Empowerment des Hundes: Er soll seine Suchaufgabe eigenverantwortlich und selbstständig lösen. Wie soll er jemals dieses Ziel erreichen, wenn sein wichtigster Partner, sein Hundeführer, für ewig von seinem Trainer abhängig bleibt? So funktioniert Mantrailing nicht. Zumindest nicht in unserem Universum. Mit Empowerement haben wir es gelernt und so geben wir es weiter.

Foto: By PSParrot [CC BY 2.0], via Flickr