Erarbeitung von Trails >24h – Analyse & Interpretation der Dissertation von Angelika Wolf

Die Dissertation von Angelika Wolf über die Fähigkeiten von Mantrailern, Trails bis zu einem Alter von 1 Monat zuverlässig zu erarbeiten, ist eine der ersten Arbeiten in dem Bereich. Sie gibt durch eine große Fülle an Daten einen Überblick über das generelle Suchmuster von Mantrailern auf alten (>24h) Trails. Über die vordergründigen Ergebnisse haben wir bereits berichtet. Wir haben uns noch ein wenig genauer mit der Arbeit beschäftigt und weitere Informationen aus den Ergebnissen gezogen und diese interpretiert. In den folgenden Abschnitten gehen wir auf diese Punkte näher ein:

  1. Zuverlässigkeit 60%
  2. Bessere Spurtreue mit zunehmendem Alter des Trails
  3. Trails „reifen“später in der Stadt
  4. Training von frischen Trails ist nicht unbedingt vorzugswürdig
  5. Alte Trails müssen nicht des Alters wegen trainiert werden

Die folgenden Überlegungen entstammen – soweit nicht ausdrücklich kenntlich gemacht – nicht aus der Arbeit von Frau Wolf, sondern sind unsere Annahmen, Interpretationen und Thesen, die sich mit anderen bekannten Annahmen und Überlegungen aus anderen Quellen überschneiden. Sie ergeben für uns ein schlüssiges Gesamtbild, das aber (und das sei hier ausdrücklich betont) nicht zwingend ist. Sie sollten aber daher auch entsprechend kritisch vom Leser betrachtet werden und sind durchaus diskussionswürdig.

1. Zuverlässigkeit 60%:

Unbenannt

Ergebnisse aus Wolf (2016) S. 116

Wann arbeitet ein Mantrailer zuverlässig? Das Mantrailer einen Trail >24h erarbeiten können, ist aus eigener Erfahrung und auf der Basis der vielen Einsatzerfolge in dem Bereich und natürlich nun auch durch diese Arbeit eine Tatsache. Allerdings ist jeder Mantrailer auch mit dem Fakt konfrontiert, dass trotz bester Voraussetzung ein Trail aufgrund vieler unwägbarer Einflüsse (Umwelt, Konzentration, Fehler des Hundes, Fehler des Hundeführers) ohne Fund enden kann. Mit der Erfolgsquote von 60% gibt diese Arbeit nun einen ersten Aufschluss darüber, wo im Durchschnitt bei einem einsatzfähigen und erfahrenen Team auf einem Blindtrail die Erfolgsquote liegen dürfte. Gleich drei Fakten lassen vermuten, dass dieser Wert recht nah an der Wahrheit liegt:

Zum einen war die Gruppe der ausgewählten Teams für diese Studie im Hinblick auf Ihr Können homogen auf hohem Niveau. Alle Teams waren Polizeimantrailer oder zumindest solche, die sehr eng mit der Polizei zusammen arbeiteten und sie konnten auf umfangreiche Einsatzerfahrung verweisen.

Darüber hinaus hat sich dieser Wert überraschender Weise nicht verändert, wenn man unterschiedliche Teilgruppen betrachtete. Er blieb bei annähender 60% mit zunehmenden Alter der Trails und bei veränderter Umgebung (Stadt, Grünflächen).

Dieser Wert veränderte sich auch nicht, wenn man nur die Hunde betrachtete, die tatsächlich alle Trails (also auch die 1 Monat alten Trails) erarbeitet hatten. Dies waren insgesamt nur 5 von 18 Hunden. Ich vermute an dieser Stelle, dass diese gesonderte Analyse der 5 Hunde erfolgte, da man davon ausging, dass es sich hierbei um die vermutlich leistungsstärksten Teams handelte. Einen Aufschluss darüber gibt die Arbeit aber leider nicht. Damit scheint aber insgesamt dieser Performancewert belastbar zu sein. Allerdings ist zu beachten, dass dieser Wert zunächst nur für relativ kurze Trails von 500 Metern mit zwei Entscheidungen gilt. (Wolf, S. 98) Mit zunehmender Länge der Trails und der Anzahl an Entscheidungen kann sich dieser Wert natürlich weiter nach unten korrigieren. Dies muss allerdings nicht zwangsläufig so sein. Es wird auch in Studien der umgekehrte Effekt beschrieben, dass sich Hunde auf einem längeren Trail „einspuren“, und exakter und zuverlässiger laufen: „ENSMINGER (2012) berichtet,
dass in Honhon‘s Untersuchung mit steigender Fährtenlänge auch die Exaktheit des Hundes stieg. Je eher sich die Fährten in dieser Untersuchung teilten (50 m) und Köder bzw. Target getrennte Wege gingen, desto schlechter waren die Sucherfolge der Hunde, die dem Target nur zu 45 % folgten, im Gegensatz zu Fährten von 800 m, wo dem Target zu 75-85 % gefolgt wurde. (Wolf, S. 147).

Dennoch: wer wissen möchte, wie die Performance eines Teams Hund im Vergleich zu einem möglichen Durchschnitt ist, kann hier erstmals auf einen konkreten Benchmark zurückgreifen.

 2. Bessere Spurtreue mit zunehmendem Alter des Trails:

2613972183_64e92ee3e8_oWolf hat zudem anhand der Daten analysiert, wie spurtreu die Hunde in den jeweiligen Trails gelaufen sind. Dabei verwendete sie ein festgelegtes Schema anhand dessen die Entscheidungen des Hundes an Kreuzungen als richtig oder falsch in Abhängigkeit von der entsprechenden Distanz vom Trail klassifiziert wurden. Dies förderte in mehrfacher Hinsicht durchaus überraschendes Ergebnis zutage:

  • Die Hunde machten auf alten Trails deutlich weniger Fehler und liefen auf den alten Trails wesentlich spurtreuer. Dieses Ergebnis war statistisch sogar hochsignifikant; also ein Zufall ist praktisch ausgeschlossen. (vgl. S. 125, 126)
  • Dieser Effekt zeigt sich jedoch erst bei den Trails, die einen Monat alt waren. Die Arbeit der Teams auf den 24 Stunden alten Trails unterschieden sich nicht in ihrer Spurtreue im Vergleich zu den Trails, die nach einer Woche gearbeitet wurden. Dort wichen die Hunde eher von Trail ab, machten häufiger Fehler oder liefen öfter parallel zum Trail. (vgl. Grafiken auf S. 122, 124)

Interessanter wird diese Beobachtung noch im Zusammenhang mit der oben beschrieben Erkenntnis der gleichbleibenden Performance von 60% auf jedem Alter der Trails. Daraus ergibt sich eine interessante Annahme darüber, wie sich das Geruchsbild eines alternden Trails über die Zeit verändert und mit welchen sich verändernden Schwierigkeiten die Hunde an diesen Trails arbeiten:

  • Auf einem Trail mit einem Alter zwischen 1 und 7 Tagen
    • scheinen geruchliche Informationen durch Witterung (Wind, Regen, Autos) parallel zum Trail zu existieren, die es den Hunden auf der einen Seite schwerer machen, exakt auf der gelaufenen Spur zu bleiben. Die Hunde machen deutlich mehr Fehler auf einem solchen Trail und weichen deutlich öfter vom Trail ab.
    • Diese „verwehten“ geruchlichen Informationen scheinen den Hunden aber gleichzeitig die Möglichkeit zu geben, den Trail wieder zu finden. Denn trotz der sich häufenden Abweichungen vom Trail („Fehler“) bleibt die Gesamtperformance gleich (60%).
  • Auf sehr alten Trails von einem Monat
    • scheinen nur noch kaum geruchliche Informationen neben dem Trail den Hund zu verleiten, von der gelaufenen Spur abzuweichen, sodass die Hunde deutlich exakter und mit deutlich weniger Fehlentscheidungen am Trail arbeiten. Die Hunde, die im Ziel ankommen arbeiten deutlich öfter 100% exakt am Trail.
    • Allerdings scheint dieser fehlende oder sehr schmale Geruchskorridor dazu zu führen, dass die Hunde mehr Schwierigkeiten haben, den einmal verlorenen Trail wieder zu lokalisieren oder parallel zu arbeiten. Ein einmal gemachter Fehler wird fatal und ist nur noch schwer zu korrigieren.

Hunde arbeiten demnach mit gleicher Performance (gemessen an der Anzahl der Funde/Erfolge) auf Trails unterschiedlichen Alters, sie arbeiten aber mit zunehmendem Alter des Trails exakter an der Spur.

Unklar bleibt, ob dieser Effekt durch ein exponentielles Wachstum der individuellen Mikroben auf dem Trail hervorgerufen wird, wodurch der Trail deutlich prominenter gegenüber der Umgebung hervorsticht, oder ob die verwehten geruchlichen Informationen über die Zeit immer mehr verblassen und nur noch der eigentliche Trail übrig bleibt. Unter Umständen ist es auch eine Kombination aus den beiden gegenläufigen Prozessen.

Unbenannt

3. Trails „reifen“später in der Stadt

Keine Regel ohne Ausnahmen: So finden wir zu der Gesamtperformance von annähernd 60% auf allen Trails eine Teilmenge, bei der die Gesamtperformance umgekehrt bei nur noch 40% liegt: Hierbei handelt es sich um die Trails in der Stadt, die einen Tag alt sind. Ein 24 Stunden Trail in der Stadt scheint demnach im Vergleich zu allen betrachteten Trails am schwierigsten zu sein. Das ist beachtenswert, denn

  • es scheint sich damit für das geruchliche Bild zu ergeben, dass ein Trail in der Stadt längere Zeit braucht  (mehr als 24 Stunden) um den oben beschriebenen Reifungsprozess zu vollenden. Das deckt sich mit den bisher existierenden Annahmen, dass auf Asphalt bedingt durch das Bakterienwachstum, ein Trail deutlich schwieriger ist.
  • Darüber hinaus verlangen die meisten Prüfungsordnungen den Erfolg auf einem 24 Stunden Trail in der Stadt, um die Einsatzfähigkeit zu erhalten. Tatsächlich ergibt sich aus den vorliegenden Daten, dass es sich bei diesem Prüfungsszenario gerade um das Setting handelt, bei dem die Performance der Teams deutlich unter 50% liegt (exakt 40% vgl. S. 129, 130). Es könnte sich daher anbieten, Prüfungsteams zwei Prüfungstrails anzubieten, um nicht von Teams eine Performance zu verlangen, die möglicherweise außerhalb der realistischen Parameter liegt.

4. Training von frischen Trails ist nicht unbedingt vorzugswürdig

Anhand der vorliegenden Daten kann man ersehen, dass mit zunehmendem Alter eines Trails er besser geeignet ist, um mit einem Hund Spurtreue zu trainieren. Allerdings lassen die Daten derzeit nur den Schluss zu, dass dies nur für Trails gilt, die älter als 1 Woche sind. Um den dafür notwendigen logistischen Aufwand zu vermeiden bietet es sich an, auf einen bis 24 Stunden alten Trail in bewachsener Umgebung auszuweichen. Training von älteren Trails in bewachsener Umgebung scheint ein optimales Setting zu sein, um Spurtreue zu trainieren. Letzteres ist vielen bekannt,wird aber durch diese Daten erneut bestätigt.

5. Alte Trails müssen nicht des Alters wegen trainiert werden

Wolf beschreibt, dass sich „.. aus Gesprächen mit Hundeführern zu entnehmen war, dass sie Anfragen für Fährten älter als 48 Stunden, vereinzelt auch älter als eine Woche, nicht annehmen, da die Wahrscheinlichkeit eines Erfolges zu gering sei und ältere Fährten deshalb nicht trainiert würden…“.

Umso erstaunlicher ist es, dass dennoch eine hohe Anzahl an Monatstrails sehr zielsicher gearbeitet wurden. Dem lässt sich zunächst die These entnehmen, dass zumindest die Qualität des Zielgeruches sich über diesen Zeitraum nicht wesentlich verändert, sodass die Hundenase auf einen sehr alten Geruch auf dem Trail nicht extra trainiert werden muss.

Allerdings lässt sich auch festhalten, dass die Schwierigkeit in besonders alten Trails in dem möglicherweise sehr schmalen Geruchskorridoren liegt: Teams, die hier einen Fehler machen, scheinen Probleme zu haben, diesen Fehler zu korrigieren und den Trail wieder zu finden. Ein Schwerpunkt beim Training von alten Trails könnte daher sein, die Negativanzeichen besser herauszubilden und zu deuten, um frühzeitig zu erkennen, wenn der Hund den Trail verliert, um diesen zusammen aktiv & schnell wieder aufzufinden. So kann die Erfolgswahrscheinlichkeit bei diesen Trails sicher gefördert werden. Zumindest lassen die Daten diese Annahme zu.

(Foto: Marcin Wichary Open 24 hoursCC BY 2.0)

(Foto: CVS Open 24 hours Flickr/Sally MahoneyCC BY-SA 2.0)