„Früher war alles besser“ – warum Trainingspläne und Trainingstagebücher so wichtig sind

… oder auch: Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast!

Awful Trail Challenge

Derzeit läuft in einem bekannten sozialen Netzwerk eine „awful trail challenge“. Die Teilnehmer sind aufgerufen, ihre schlimmsten Trailerinnerungen zu beschreiben oder diese per Trackaufzeichnung oder per Video zu veröffentlichen. Diese Aktion soll einen Kontrapunkt setzen zu den vielen, vielen Erfolgsmeldungen, die in der bunten Medienwelt Tag für Tag gepostet werden. „Das Wetter war prima, die Teilnehmer waren voll motiviert und alle Hunde haben toll gearbeitet“ ist der Standardtenor. Jeder, der ernsthaft Mantrailing betreibt, weiß aber, dass das nicht die Regel ist – auch wenn es in der Mehrzahl der Beiträge so vermittelt wird. Wer sich einige Zeit mit der Materie befasst und vor allem etwas praktische Erfahrung gesammelt hat, kennt das Phänomen, dass es beim Mantrailing nicht immer gleich gut läuft und dass ein stetiger Fortschritt ohne jeden Rückschlag so gut wie nie vorkommt. Selbst wenn man sicher ist, ein bestimmtes Niveau erreicht zu haben, gibt es immer wieder Tage oder Phasen, wo es „einfach nicht läuft“. Das ist bei einem Lernprozess und bei einer so komplexen Tätigkeit wie Mantrailing ganz normal. Das Problem ist, dass viele Hundeführer und Trainer dies nicht zugeben. Stattdessen werden wortreiche Begründungen angeführt, warum jetzt gerade an diesem Tag dies oder jenes nicht geklappt hat. Das Wetter war zu warm oder zu kalt, die Spur war zu alt oder zu frisch, der Hund war zu müde oder zu ausgeruht (!), es herrschte zu viel oder zu wenig Ablenkung, das Versteck war zu einfach oder zu schwierig, man hatte das falsche Geschirr, die falsche Leine usw. Befragt man diese Menschen einige Zeit später wieder über ihren Leistungsstand als Mantrailing-Team, bekommt man in aller Regel die Antwort, dass alles bestens läuft und dass das Team einen Erfolg nach dem anderen einfährt.

Klar ist: Niemand redet gerne über seine Schwächen, geschweige denn über die seines Hundes. Aber das ist nicht der einzige Grund

Fading Affect Bias (FAB)

Autorin: Katrin Kolbe

Katrin widmet sich seit 1996 ehrenamtlich der Hundeausbildung.
Seit 2001 ist sie aktives Mitglied der Bereitschaft Rettungshunde des DRK im Kreisverband Reutlingen.
Hier war sie lange Jahre als Ausbilderin tätig und als Gruppenführerin im Einsatz. Sie ist Autorin von zwei Büchern über die Ausbildung von Suchhunden Wie Hunde lernen und Rettungshundeausbildung Nasenarbeit

In einer 1930 durchgeführten Studie hatte man Menschen gebeten, Ihre Urlaubserinnerungen aufzuschreiben und diese anschließend als angenehm oder als unangenehm zu bewerten. Nach ein paar Wochen sollten die gleichen Menschen erneut diese Urlaubserlebnisse notieren und wieder entsprechend bewerten, ob diese angenehm oder unangenehm waren. Dabei stellte man fest, dass 60% der unangenehmen Erlebnisse vergessen waren, wohingegen nur 40% der angenehmen Erlebnisse verblasst waren. In weiteren Studien kam man zudem zu dem Schluss, dass auch die negative Einstellung zu unangenehmen Erlebnissen weniger wurde oder zum Teil negative Erlebnisse später sogar als positiv eingestuft wurden. In der Psychologie ist dieses Phänomen gut erforscht und als Fading Affect Bias (FAB) bekannt.

Diese „Verklärung der Vergangenheit“ ist also ein typisch menschliches Phänomen. Wir vergessen unangenehme Wahrnehmungen meist schneller als angenehme. Das ist neuropsychologisch völlig normal, denn wir können uns im stressigen Alltag nicht jedes Detail merken. Im Laufe der Zeit „verblassen“ Erinnerungen wie alte Fotos und es ist für unser Gehirn schlichtweg angenehmer, die positiven Dinge zu behalten als die negativen – zumal die meisten Hundeführer im deutschsprachigen Raum ehrenamtlich tätig sind und im Alltag noch viele andere Dinge zu tun und sich zu merken haben. Die Arbeit mit dem Hund betreibt man in der Freizeit und da will man schließlich möglichst viele angenehme Erlebnisse haben, um einen Ausgleich zum Beruf zu schaffen. Die „rosarote Brille“ ist beim Blick auf die Vergangenheit also ganz normal.

Fakten, Fakten, Fakten

Beim MT zählen allerdings Fakten! Schönrederei ist besonders im Einsatzbereich, wo es oft in der Tat um Menschenleben geht, ein Problem.

Und auch bei Prüfungsvorbereitungen jeder Art ist ein Plan unabdingbar: Jeder Leistungssportler macht sich vor dem Wettkampf einen Trainingsplan, jeder Prüfling muss sich einen Überblick über den Lernstoff verschaffen, um so die Zeit zum Lernen einteilen zu können. Das Argument „man soll nicht für die Prüfung trainieren, sondern für den Einsatz“ zählt nicht. Denn gerade im Bereich Mantrailing sind die Anforderungen im Realeinsatz derart komplex, dass eine Prüfung in der Tat nur einen absoluten Mindeststandard abfragen kann. Aber schon das Erreichen dieses Niveaus setzt jahrelanges, hartes und vor allem systematisches Training voraus, das man nicht „irgendwie so halt“ absolvieren kann.

Nicht nur im Einsatzbereich, sondern auch für „Freizeittrailer“ ist es überaus sinnvoll, im Vorhinein einen Plan für die Ausbildung zu erstellen: was soll geübt werden? Welcher Schwerpunkt wird bearbeitet? Geht es um die Ablenkung, die Länge der Spur, das Alter, oder um die Arbeit mit besonderen Geruchsartikeln…? Man riskiert sonst „Betriebsblindheit“, wenn man sonst am Ende doch immer irgendwie das Gleiche macht.

Wie man seine Trainingsergebnisse im Nachhinein dokumentiert, ist jedem selbst überlassen: es gibt die gute alte Excel-Tabelle, manche führen per Hand ein klassisches Notizbuch, andere bevorzugen eine App auf dem Smartphone…

Festgehalten werden sollten auf jeden Fall die folgenden Daten: Datum des Trainings, Ort / Umgebung, inhaltlicher Schwerpunkt, Länge der Spur, Alter der Spur, verwendeter Geruchsgegenstand, Name der Versteckperson, evtl. auch noch das Wetter. Unter „Sonstige Bemerkungen“ trage ich stichwortartig einen kurzen Kommentar zur Arbeit ein. Denkbar ist auch ein Punktesystem für die Bewertung verschiedener Parameter wie z.B. Motivation und / oder Ausdauer des Hundes, Reaktion des Hundes auf bestimmte Ablenkungen, Arbeit des Hundeführers usw.

Probleme lösen heißt zunächst Probleme benennen zu können

Dies alles verursacht zwar einen gewissen zusätzlichen Aufwand, ist aber bei Problemen enorm hilfreich, um genau nachlesen zu können: Wann ist das Problem zum ersten Mal aufgetreten? Unter welchen Umständen? Wie wurde damals damit umgegangen? Was wurde damals diesbezüglich besprochen? Mein Hund hatte z.B. einmal eine Phase, wo er insgesamt recht unkonzentriert war und sich während der Arbeit viele „Nebenjobs“ leistete. Ich sanktionierte dies, indem ich die Arbeit kurzerhand abbrach, den Hund aus dem Geschirr nahm und ins Auto brachte. Dies wurde natürlich in meinem Trainingstagebuch entsprechend vermerkt. Nachdem ich diese Maßnahme ein paar Mal angewendet hatte, verbesserte sich die Leistung des Hundes wieder und irgendwann konnte ich sagen: „Das Problem ist seit 6 Monaten nicht mehr aufgetreten.“ Ich persönlich mag solche konkreten Quantifizierungen lieber als vage Angaben („schon lange nicht mehr“), die mehr so über den Daumen gepeilt sind. Jeder gute Trainer, an den man sich wendet, um ein bestimmtes Problem zu lösen, wird solche klaren Angaben zu schätzen wissen. Auch für außen stehende Personen wie z.B. Behörden kann es hilfreich sein, Einblick in ein Trainingstagebuch zu erhalten. In manchen US-Staaten dienen diese Unterlagen vor Gericht als Nachweis für die Zuverlässigkeit eines Hundeteams, da die Hundeführer dort oft als Zeugen geladen werden. Oder welcher Hundeführer kann z.B. die Frage, wie lange der längste Trail war, den er innerhalb der letzten 12 Monate gelaufen ist, aus dem Kopf beantworten? Oder wie oft sein Hund in der letzten Zeit eine bestimmte Person aus der Gruppe im Training gesucht hat? Oder wann er das letzte Mal eine Negativanzeige (gemeint ist: keine zum Geruchsartikel passende Spur vorhanden) geübt hat?

Auch gesundheitliche Probleme können so frühzeitig erkannt werden. Beispiel: „In den letzten 4 Wochen hatten wir 10 Trainings. Dabei hat der Hund in 7 Fällen das gesetzte Trainingsziel nicht erreicht, und zwar auch in Situationen, die er früher problemlos gemeistert hat“ ist für einen Tierarzt, der Ursachenforschung betreiben soll, viel besser fassbar als die vage Aussage „Der H ist in letzter Zeit oft unkonzentriert“.

Auch die filmische Dokumentation des Mantrailings ist heutzutage dank Handy und kleiner Action-Kameras kein Problem mehr. Erfahrungsgemäß ereignen sich die interessantesten Dinge im Training immer dann, wenn die Kamera gerade nicht läuft 😉 Um die Datenflut in Grenzen zu halten, kann man z.B. alles aufzeichnen und wenn es nichts Besonderes gibt, direkt danach wieder löschen oder nur einzelne Ausschnitte aufheben, z.B. das Verhalten des Hundes in einer Kreuzung oder bei einer bestimmten Ablenkungen.

Insgesamt lohnt sich der Aufwand der schriftlichen und Videodokumentation auf jeden Fall! Und sei es „nur“, um sich über Fortschritte zu freuen – oder einfach als schöne Erinnerung an lustige und interessante Trainingseinheiten.

„Awful trails“ werden sich dadurch nicht ganz vermeiden lassen, denn Hunde und Menschen sind Lebewesen und machen nun mal Fehler. Aber bei vernünftiger Planung und objektiver Nachbereitung des Trainings sollten sie in Zukunft nur noch selten vorkommen. Das wiederum dient dem Hauptziel der ganzen Sache: Freude an der Arbeit mit dem Hund zu haben. Und wenn man dann noch schwarz auf weiß sieht, dass diese echte Freude tatsächlich von soliden Leistungen herrührt, schließt sich wie so oft der Kreis.

(Foto: diary writing Flickr/Fredrik RubenssonCC BY 2.0 SA)

(Foto: diary writing Flickr/Fredrik RubenssonCC BY 2.0 SA)