Gesundes Motivationstraining

Motivation ist immer ein großes Thema. Das gilt zwar für jede Arbeit, die der Hund verrichten soll, aber gerade für Disziplinen wie das Mantrailing ist Motivation mit einer der entscheidenden Faktoren, der den Erfolg ausmacht. Über Motivation ist schon viel diskutiert worden. Es gibt zahlreiche Techniken, Trainingsweisen und viele Variationen der Belohnung um die Motivation des Hundes möglichst hoch zu halten. Hier möchte ich nicht darauf eingehen, sondern statt dessen auf die Grenzen des Motivationtrainings hinweisen.

Ein hoffnungslos demotivierter Fall

Es gibt sie, die scheinbar hoffnungslosen Teams, um deren Schicksal sie niemand beneidet. Schon auf dem Weg zum Start erkennt man am ganzen Gebaren des Hundes: der Trail wird zäh wie Kaugummi. Mit hängendem Kopf, deutlichem Desinteresse und langsamen Schrittes trottet der Hund hinter seinem menschlichen Teampartner zum Start. Nach der Geruchsaufnahme wird der Hund nach klebrigen bewegungslosen Minuten in Richtung des Trails geschoben. Und am Ziel endlich angekommen treffen sich fragende Blicke der Zuschauer, Trainer und Besitzer, was denn nun zu tun sei, um hier dem Hund die notwendige Unterstützung zu bieten: Wie soll echtes Interesse an der Arbeit im Hund geweckt werden? In vielen Fällen bleiben sich alle eine echte Lösung schuldig und das Team verlässt das Trainingswochenende ohne echte Perspektive.

Motivationsverlust kommt manchmal schleichend

So ging es mir die letzten Monate: Es hat sich langsam eingeschlichen. Fast nicht zu bemerken. Der Hund bekam den Geruchsträger und startete nicht. Mein Hund startet immer; es sei denn es ist ein Negativ. Auch ein Neustart brachte keine Besserung. Die Trails wurden insgesamt unzuverlässiger. Immer häufiger passierte es, dass mein Hund einfach so, ohne Grund aus dem Trail ausstieg, mich anschaute und die Arbeit einstellte. Sie war kaum zu motivieren, die Arbeit wieder aufzunehmen. Manche Trails arbeitete sie nur noch ausschließlich mit hoher Nase, schwammig pendelnd ohne eine klare Richtungsvorgabe. Mein Hund war zuvor immer ein Arbeiter, der eher einem Putzerfisch auf dem Trail glich. Der Drive ging weg. Es kamen immer mehr Tage, an denen sie in der Leine so schwammig und ohne Zug war, dass ich sie mit Leichtigkeit beeinflussen konnte. Sie war für einen Bloodhound zwar immer gnädig mit mir: sie zog immer gut aber nie übermäßig. Aber immer mehr musste ich die Leine wie ein rohes Ei behandeln, um den Hund nicht aus der Arbeit herauszubringen.

Für Außenstehende und besonders für Trailer, die uns nicht kannten war es nicht zu bemerken. Für sie war mein Hund eben ein ruhiger und bedächtiger Arbeiter, aber immer noch zuverlässig. Aber ich merkte: da ging die Luft raus. Langsam aber stetig. Die Motivation ging stetig abwärts.  Ohne erkennbaren Grund. Woche für Woche. Monat für Monat. Am Anfang ging ich darüber hinweg. Jeder hat mal schlechte Tage. Auch mal eine schlechte Woche. Mein Hund muss nicht immer funktionieren. Sie ist ein lebendiges Wesen, dass auch mal ein Tief haben darf. Der letzte Sommer war auch wirklich heiß. Wir hatten einfach weniger trainiert. Dann ist es klar, dass die Leistung nicht bleibt, wie sie ist. Für Außenstehende waren es immer mal wieder nur Aussetzer. Der zweite Trail lief immer super. Nichts, dessen man sich Gedanken machen solle. Aber aus  Wochen wurden Monate und eine echte Besserung stellte sich nicht ein.

Also begann die Fehleranalyse und die Motivationsarbeit: Es wurden mehr Motivationstrails eingebaut. Auch mal lustig und grün. Nicht immer grau und schwer. Ich lief mehr bekannte Trails, um in meinem Hund wieder das möglicherweise fehlende Selbstvertrauen wieder aufzubauen. Ich weiß sehr gut, wie ich meinen Hund motivieren kann, wo die richtigen Stellschrauben sind und sie ist im Grunde sehr leicht zu motivieren: Lieblingsversteckperson, ein wenig aufmunterndes aufputschen und warm machen vor dem Start, keine Tüte mehr über die Nase, den Geruchsträger spannend machen, einen Spannungsbogen vor dem Trail spannen und die Erwartungshaltung vor dem Trail steigern. Und damit ging es auch wirklich gut. Der Hund lief seine Trails wieder freudiger und konzentrierter. Einige neue Trainingsweisen wurden überdacht, die wir die letzte Zeit eingeführt hatten und testweise wieder auf die „alte“Weise gearbeitet. Insgesamt betrachtet blieb aber die wesentliche Besserung aus. Ich merkte, dass ich immer mehr Energie und Motivation vor dem Trail in meinen Hund stecken musste, damit das Ergebnis stimmte. Und inzwischen war das Problem auch für Außenstehende sichtbar: Der Hund ist unmotiviert. Trailen ist nicht mehr wirklich ihre Passion. Sie arbeitete unkonzentriert, fahrig, lief Ghosttrails oder stellte ihre Arbeit ganz ein.

Ansonsten war sie aber unverändert: Insbesondere am Fahrrad hatte sie so viel Energie wie immer. Jaulte und freute sich, wenn ich das Fahrrad auspackte, zog mich freudig im Zuggeschirr, spielte mit unseren anderen Hunden und war wie sonst. Nur Trailen wurde für sie immer mehr zur Pflicht und weniger zur Passion. Der Hund wurde mir ein Rätsel. So kannte ich sie nicht. Und immer mehr bekam ich den Eindruck: Hier stimmt was nicht. Alle Motivations- und Trainingstricks hatten nur einen kurzzeitigen Erfolg. Also kann es möglicherweise eine andere Ursache haben, als eine vielleicht unmotivierende Trainingsweise: möglicherweise hat der Hund ein gesundheitliches Problem.

Parallel bekam ich einen Anruf von einem Besitzer eines Bloodhounds, der sich hilfesuchend an mich wandte: Auch sein Bloodhound hatte plötzlich seine Motivation an der Arbeit verloren und er suchte Hilfestellung, wie er seinen Hund wieder motivieren könne. Der Hund war einsatzgeprüft, wurde aber in kurzer Zeit so unzuverlässig, dass er Einsätze inzwischen ablehnte. Da die berichtete Verschlechterung der Motivationslage relativ schnell ging, riet ich dem Kollegen, vor einem Besuch in meinem Training zunächst auch mal gesundheitliche Probleme in Betracht zu ziehen. Wenige Tage später kam dann auch leider der bestätigende Anruf, dass der Tierarzt eine ernsthafte chronische Darmerkrankung festgestellt hatte, die nun aufwendig behandelt werden müsse.

Bei meinem Bloodhound folgten mehrere Bluttests, die wir mit Blutwerten von vor Monaten und Jahren verglichen, Röntgenuntersuchungen (ich kenne jetzt jeden Knochen meines Hundes persönlich) und verschiedene testweise Medikamentengaben. Als mein Bloodhound dann mit Schmerzmittel wieder deutlich motivierter arbeitete, war klar, dass sie wohl tatsächlich ein gesundheitliches Problem plagte. Und ein paar Tage später war die Ursache identifiziert: Ein schleichend immer unausgewogenerer Hormonspiegel führte dazu, dass mein Bloodhound immer müder und unausgeglichener wurde. Mattheit und Schmerzen gehen oft damit einher.

Gefahr des Kaschieren und Verschleppen von gesundheitlichen Problemen

Motivationsarbeit ist gut und wichtig. Wir sollte nie vergessen, dass bei allen Zielen, die wir im Mantrailing verfolgen, nie der Spaß an der Arbeit zu kurz kommen darf. Daher muss Motivationsarbeit und motivierendes Training immer ein wesentlicher Faktor im Training bleiben.

Wenn doch mal die Motivation ausbleibt, dann ist es selbstverständlich wichtig, das eigene Training zu überdenken und Rat bei einem guten Trainer zu suchen. Aber nicht immer hilft eine Anpassung des Trainings, um fehlenden Antrieb im Hund wieder zu erwecken. Und auch als Trainer sollte man sich der eigenen Grenzen bewusst sein. Und die sind spätestens dann erreicht, wenn man als Trainer mit seinem Latein am Ende ist. Aber eigentlich sollte die rote Lampe bereits dann leuchten, wenn man merkt, dass man immer mehr Energie für Motivationsarbeit aufbringen muss und das eigentliche Training und die Aufbauarbeit zurück fällt. Mantrailing ist ein abgewandeltes Jagdspiel, wie es Ina Ziebler-Eichhorn mal sehr schön beschrieben hat.
… man weiß, dass die Jagd an sich neurochemisch selbstbelohnend ist, weshalb der Jagdtrieb bei Hunden auch so schwer zu kontrollieren ist und – wie jeder Mehrhundehalter weiß – die gemeinsame Jagd ist das Allertollste überhaupt.

Aber einen Hund, den man im wahrsten Sinne des Wortes zum Jagen tragen muss, hat vielleicht nicht nur ein Motivationsproblem. Spätestens dann sollte man ernsthaft den Gang zum Tierarzt in Betracht ziehen und dies auch als Trainer ausdrücklich anraten, denn

  • mit den entsprechenden Tricks können wir oftmals selbst die Hunde zur Arbeit animieren, die sich sonst nur noch sehr schwerfällig zur Arbeit bewegen lassen. Das sogenannte „Anreizen“ ist da als aller Erstes zu nennen. Denn es besteht die Gefahr, dass damit ein kranker oder verletzter Hund dazu bewegt wird, über den Schmerz hinaus Leistung zubringen. Es besteht die potentielle Gefahr des Kaschierens von gesundheitlichen Problemen;
  • zusammen mit dem Kaschieren kommen weitere Probleme hinzu:  nicht nur gesundheitliche Faktoren werden in dem Moment verschlimmert, weil der Hund die eigenen Warnsignale (Schmerz) des Körpers kurzfristig ignoriert. Es besteht zudem die Möglichkeit, diese Probleme langfristig zu verschleppen. Mit allen damit verbundenen langfristigen Folgen;
  • darüber hinaus ist es für den Lernerfolg kontraproduktiv, wenn sich der Hund mit gesundheitlichen Problemen neue Fähigkeiten aneignen soll. Zum Einen ist der Hund im Grunde unkonzentriert und damit gar nicht in einem richtigen Lernmodus. Zum Anderen besteht auch die Gefahr, dass der Hund seine gesundheitlichen Probleme (Schmerzen?) mit der Arbeit in irgendeiner Weise verknüpft. Nichts wäre fataler;
  • und schließlich möchte man sich als Trainer nicht später selber den Vorwurf machen müssen, dass man deutliche Signale des Hundes ignoriert und damit möglicherweise ein gesundheitliches Problem des Hundes verschleppt oder sogar verschlimmert hat.

Ist ein Hund dauerhaft nicht zu motivieren und spricht auf keine Trainingsansätze nachhaltig an, dann lehnen wir in unseren Trainings zum Schutz des Hundes ein weiteres Training mit dem Team ab, bis mögliche medizinische Ursachen vom Tierarzt endgültig ausgeschlossen wurden. Ist der Hund dagegen vom Tierarzt durchgecheckt, dann befindet man sich auf der sicheren Seite und man kann weiter alle Register einer sinnvollen Motivationsarbeit ziehen, ohne Nachteile befürchten zu müssen.

Warnsignale nicht ignorieren

Unsere Arbeitshunde wurden darauf gezüchtet, Leistung zu bringen und die körpereigenen Warnsignale zu ignorieren. Wir sollten daher aufmerksam werden, wenn sie trotzdem die Lust an der Arbeit verlieren, auch wenn die eigentlichen Anzeichen einer Verletzung oder Krankheit fehlen. Ich möchte damit nicht sagen, dass nun alle demotivierten Hunde beim Tierarzt vorstellig werden sollen. Aber es gibt für mich ein paar Hinweise, die einen Besuch beim Tierarzt und einen ausführlichen Gesundheitscheck sinnvoll machen, wenn sie gehäuft und mehrfach auftreten:

  • der Hund hatte früher mal mit viel eigenem Antrieb gearbeitet und hat dann in einem gewissen Zeitraum deutlich an Energie und Qualität nachgelassen,
  • man kann die Unlust des Hundes an der Arbeit nicht einem konkreten Umstand zuordnen: negative Erlebnisse, Hitze oder Kälte, nachvollziehbare Müdigkeit, mentale Überforderung in Lernphasen oder eine lange Anreise zum Training können nicht sicher als Ursachen zugeordnet werden. Die Unlust bleibt irgendwie unerklärlich und ohne konkrete kausale Ursache,
  • die noch abrufbare Restmotivation ist direkt abhängig von einem (steigenden) externen Motivationsinput: Der Hund arbeitet nur dann motiviert, wenn er ständig (und möglicherweise immer weiter gesteigerten) Anreiz bekommt, seine Arbeit mit der nötigen Energie auszuführen. Der Hund findet also nie den eigenen inneren Antrieb, die Arbeit als seine Passion anzusehen und entsprechend interessiert an der Aufgabenstellung zu arbeiten,
  • der zuvor genannte Motivationsinput wird dauerhaft nötig, um den Hund überhaupt zur Arbeit zu bewegen. Die Motivationsarbeit ist also nicht zeitlich oder auf ein Ereignis begrenzt, um ein vorübergehendes Motivationsloch zu überbrücken oder um ein schwieriges Training aufzufangen und auszugleichen,
  • die fehlende Motivation macht sich auch in anderen Disziplinen (Agility, Geruchsdifferenzierung etc.) bemerkbar und ist nicht nur auf das Mantrailing beschränkt

Je mehr der oben genannten Kriterien auf einen Hund zutreffen, desto eher sollte meines Erachtens ein gesundheitliches Problem in Betracht gezogen und vorsichtshalber abgeklärt werden. Aber das ist nur eine Auswahl an Kriterien, die sich aus unserer Erfahrung ergeben haben und diese Liste ist sicher nicht abschließend. Ich erinnere mich noch an einen Fall eines befreundeten Kollegen, dessen Schäferhund seit dem er eine Welpe war immer sehr verhalten und zurückgezogen gearbeitet hat. Der Hund wurde ein geprüfter und erfolgreicher Rettungshund, der aber nie seine verhaltene Arbeitsweise auf dem Trail änderte. Und erst nach Jahren stellte sich anhand eines eingehenden Gesundheitschecks heraus, dass der Hund wohl bereits mit einem chronischen Leiden auf die Welt gekommen ist, das der Grund für seine verhaltene Arbeit war. Auf das erste Kriterium würde dieser Hund nicht passen, wohl aber auf en paar der anderen.

Ende gut – alles gut

13433226_1335029433180099_8542435761604496024_oDie Therapie bei meinem Bloodhound war glücklicherweise so einfach, schnell und effektiv, dass ich es kaum selber glauben konnte: Innerhalb von 24 Stunden nach der entsprechenden Medikamentengabe hatte mein Hund seinen Drive wieder und die Freude an der Arbeit war wie vor vielen Monaten zu 100% wieder da. Als hätte jemand den Akku ausgetauscht, der zuvor tiefentladen war. Sie wird zwar immer auf diese Medikamente angewiesen sein. Das hat aber keine Auswirkungen auf Ihre Leistungs- und Einsatzfähigkeit. In jedem Fall wäre hier Motivationsarbeit schädlich gewesen. So hätte ich es meiner Hündin möglicherweise ganz verleidet und eine spätere medizinische Intervention hätte die Motivation nie wieder hergestellt. Nun stehen wir aber vor der Aufgabe, die möglichen Fehler, die sich durch die monatelange unkonzentrierte Arbeit eingeschlichen haben, wieder auszugleichen. Aber wir sehen das gelassen: ich weiß, was mein Hund kann und sie hat wieder Freude in der Arbeit. Der Rest wird sich mit Geduld von alleine geben.

Der Bloodhound meines Kollegen wurde inzwischen auch therapiert und auch hier schlägt die Behandlung positiv an. Der Hund arbeitet inzwischen wieder „bombastisch“. Wichtig ist, dass zunächst einmal die tatsächliche Ursache identifiziert und eine Besserung durch die adäquate Therapie zu spüren ist. Auch hier hätte Motivationstraining gesundheitliche Ursachen nur verschlimmert und die Lage insgesamt verschlechtert.

Der richtige Tierarzt

Ich brauche an dieser Stelle eigentlich nicht erwähnen, dass die möglichen gesundheitlichen Ursachen für Motivationsprobleme zahlreich sind. Ich bin daher oben nicht näher auf die medizinischen Details in den beiden Fällen eingegangen. Ich bin kein Tiermediziner sondern nur ein Hundetrainer. Alles was ich dazu sagen könnte wäre lückenhaft und fehlerbehaftet. Darüber hinaus ist jeder Fall ein Einzefall. Daher lasse ich es lieber gleich bleiben. Umso wichtiger ist es mir aber deutlich zu machen, dass man als Trainer seine Grenzen kennen sollte. Nicht jeder unmotivierte Hund ist wirklich nicht willig oder nur vom vorherigen Trainer falsch aufgebaut. Sehr oft liegt die Ursache in einem Bereich, der außerhalb des Kompetenzbereiches eines Hundetrainers liegt. Spätestens, wenn man mit seinem Latein am Ende ist, ist es Zeit, an Alternativen zu denken.

Daher ist es sehr wichtig in solchen Fällen, in denen sich gerade keine offensichtlich eindeutige Ursache ermitteln lässt, einen Tierarzt zu haben, der in der Lage ist, mit einer systematischen Ausschluss-, Verdachts- und/oder Differentialdiagnose der Sache auf den Grund zu gehen. Hilfreich ist hier natürlich, wenn Trainer und Arzt sich austauschen können, um hier möglichen Verbesserungen schnell nachgehen zu können. Eine lückenlose Trainingsdokumentation ist dann plötzlich gold wert.

An dieser Stelle möchte ich hier meinem Tierarzt Dr. Pohl ausdrücklich danken, der systematisch und kompetent meinen Hund diagnostizierte und treffsicher in kurzer Zeit die richtige Therapie empfehlen konnte. Das ist bei einem diffusen und schwammigen Symptom „mangelnde Motivation“ durchaus eine Herausforderung.