Warum wir bei Hitze nicht trainieren

„Hoch Finchen hat weiten Teilen Deutschlands heute Temperaturen weit über 30 Grad gebracht, ausgenommen war der Nordwesten. Im bayerischen Kitzingen maß der Deutsche Wetterdienst erneut den Rekordwert von 40,3 Grad.“, so meldet die Tagesschau vom 7.8.2015. Vielerorts schreckt es immer noch einige nicht ab, dennoch bei diesen Temperaturen, die auch in den Abendstunden nach Sonnenuntergang noch anhalten, ihre Hunde auf Leistungsniveau zu trainieren. Auch und gerade die Mantrailer Einsatzhunde. Am Ende liegt es im Verantwortungsbereich des Einzelnen, wie weit er beim Training mit seinem Hund geht. Wir haben für uns entschieden, dass es keine vernünftigen Gründe gibt, ein Training bei diesen Temperaturen mit seinem Hund durchzuführen.

Training bei Hitze ein unkalkulierbares gesundheitliches Risiko

17287723376_708e2d5087_hMitte Juli erreichte mich ein Post eines befreundeten Rettungshundeführers aus den USA. Sein Hund hatte während eines Einsatzes bei der Suche nach einem vermissten Menschen einen Hitzeschaden erlitten. Obwohl er seinen Hund sofort ärztlich versorgen ließ und er u.a. mit Infusionen behandelt wurde, war sein Hund selbst nach einer Woche noch angeschlagen. Mir ist dieser Hundeführer als ein sehr umsichtiger und liebenswerter Mensch bekannt. Er ist niemand, der aus übertriebenem Enthusiasmus unbedacht Grenzen überschreitet. Dies ist übrigens kein Einzelfall, wie der tödlich verlaufene Hitzschlag von K9 Simmie im letzten Jahr zeigt. Selbst das Spiel am Wasser schützt nicht, wie der Post des DLRG auf seiner Facebook Seite berichtet. Besonders tragisch der Fall des im Erdbebengebiet Ecuador im Einsatz verstorbene Trümmerhund: Er verstarb nach übereinstimmenden Berichten vermutlich an Dehydrierung nach dem pausenlosen 4 tägigen Einsatz an der warmen Küste. Der Hund war noch tierärztlich versorgt worden, starb dann aber doch. Er hatte in diesem Einsatz 7 Menschenleben gerettet.

Ihnen allen ist das passiert, was jedem passieren könnte. Auch uns! Hunde aus Arbeitslinien, aber auch viele Hunde mit agilem Charakter, überschreiten in der Regel ihre physischen Grenzen in Spiel, Training und Einsatz, wenn ihnen nicht aktiv vom Besitzer Ruhephasen eingeräumt werden. Eigentlich eine Binsenweisheit. Was aber viel schwerer wiegt ist die Tatsache, dass wir nicht erkennen können, wann der Hund überlastet ist und Schaden nimmt. Wir erkennen zwar in der Arbeit mit dem Hund, dass der Hund sich in seiner Belastungszone befindet. Ob der Hund sich jedoch noch innerhalb der Toleranzzone befindet, oder bereits durch die Arbeit Schaden nimmt, können wir nicht mit Sicherheit anhand äußerer Signale erkennen. Sehr eindrucksvoll ist dies in einer jüngst veröffentlichten Studie „Einsatz von Rettungshunden in heißen Klimazonen“ gezeigt worden. Das Fazit: Rettungshunde kennen bei Hitze selbst keine Grenzen. Wenn sie vom Hundeführer nicht gestoppt werden, würden sie auch bei extremer Hitze bis zum Umfallen weiter arbeiten. Für die routinierten Rettungshundeführer aus Österreich, Ungarn, Slowenien und aus Dubai, von denen viele bereits in heißen Regionen an Katastropheneinsätzen nach Erdbeben teilgenommen hatten, war es ebenfalls überraschend, dass ihre Hunde trotz erhöhter Temperatur scheinbar keine Anzeichen von Erschöpfung zeigten und weiter gearbeitet hätten, würden die Suchen nicht jeweils gestoppt worden sein.
Auf einen Nenner gebracht bedeutet das: Routine des Hundeführers und Kenntnis des eigenen Hundes reichen nicht aus, um eine Überbelastung des Hundes sicher einschätzen zu können und Schaden zu vermeiden.


Aber warum ist das so? Wissenschaftlich belegt ist, dass der Mensch im Ausdauersport dem Hund weit überlegen ist. Der Mensch kann im Gegensatz zum Hund seine gesamte Körperoberfläche nutzen, um durch Schwitzen seinen Körper zu kühlen. Der Hund kühlt fast ausschließlich über die Mundschleimhäute durch Hecheln. Felltragende Tiere haben zwar auch Schweißdrüsen, doch dieser Schweiß ist eher schaumig-klebrig. Werden die Haare dadurch nass, behindert das sogar die Wärmeabfuhr, so wie es beispielsweise beim Pferd der Fall ist. Der Mensch sondert dagegen einen wässrigen Schweiß ab, bei Bedarf bis zu zwölf Liter am Tag. Weil diese Flüssigkeit bei uns direkt auf der Haut verdunsten kann, ergibt sich ein enormer Kühlungseffekt. Bei heißem Wetter könnte ein Mensch, so ergab eine Kalkulation, ein Pferd im Marathon besiegen. Dieser Vorteil führt aber auch dazu, dass wir Körperanstrengung bei Hitze wesentlich weniger belastend empfinden als Hunde. Wir können es gar nicht nachfühlen wie sehr es den Hund in der Arbeit belastet.

Genauer beschreibt Antje Reinecke die physiologischen Zusammenhänge in ihrem Artikel online wie folgt: „Schon bei durchaus moderaten Außentemperaturen (also um die 20°C und darunter) erhöht sich die Puls- und Atemfrequenz sowie die Körpertemperatur der Hunde gravierend, wenn sie intensive Nasenarbeit betreiben. Dabei ist es unerheblich, ob sie „privat unterwegs“ sind, oder Geruchserkennung, Fährtenarbeit oder Mantrailen machen. Bei intensivem schnüffeln atmen Hunde bis zu 300 mal in der Minute ein und aus. Dies ist körperlich sehr anstrengend und hat – wen würde es wundern – natürlich einen nicht unerheblichen Einfluß auf Ihre Vitalwerte. Schon nach knapp 15 Minuten kann durch intensive Nasenarbeit die Körpertemperatur von ca. 38°C auf sage und schreibe 40-41°C ansteigen! Wir erinnern uns: Alles ab 39,5°C beim Hund ist Fiebertemperatur! Kommt nun noch eine deutlich erhöhte Außentemperatur im Sommer hinzu (also physische Stressoren), kann der Hund hier sehr schnell in eine durchaus lebensbedrohliche Überhitzung schliddern, wenn sein Mensch hier nicht aufpasst!Antje Reinecke, „Mantrailing im Sommer – Risiken & Nebenwirkungen“

Training bei Hitze kann natürliches Schutzverhalten der Hunde dämpfen

Die genannten Quellen zeigen auch, dass gerade Arbeitshunde, die es gewohnt sind oft unter schweren Bedingungen zu arbeiten, noch stärker von der Gefahr durch Überbelastung betroffen sind. Was ihnen bereits angezüchtet ist, wird zusätzlich im Training vermittelt und verstärkt: „Der Job“ ist zu erledigen, selbst wenn physische Grenzen erreicht sind. Der Hund lernt so im Training, seine körpereigenen Warnsignale zu ignorieren. Ob das aus Gehorsam oder Motivation („Will to Please“) geschieht ist irrelevant. Man kann es „abhärten“ nennen, aber der Begriff „abstumpfen“ trifft den Punkt an dieser Stelle besser. Hundeführer, die also regelmäßig an den Belastungsgrenze ihrer Hunde trainieren, laufen schneller Gefahr, dass der Hund körpereigene Warnsignale zu spät erkennt oder nach außen zeigt. Ein Teufelskreis.

Risiko bei Hitze kann ein Seminarleiter noch viel weniger einschätzen

Wenn man eine Überbelastung bei seinem eigenen Hund schon nicht sicher bestimmen kann, dann gilt dies erst Recht für einen Trainer oder Seminarleiter, der die Hunde vielleicht sogar erst zum ersten Mal gesehen hat. Zwar liegt die Verantwortung grundsätzlich beim Hundeführer, seinen Hund keinen Gefahren auszusetzen, allerdings sollte sich ein Seminarleiter allein aus pädagogischen Gesichtspunkten damit nicht aus der Verantwortung stehlen. Diese Gefahr seinen Teilnehmern nachdrücklich zu vermitteln kann er am Besten, indem er mit gutem Beispiel voran geht, auf eigene Einnahmen verzichtet und Trainings absagt.

Training bei Hitze ist kontraproduktiv

Motivation ist eigentlich das A und O im Training. Ein unmotivierter Geist lernt schlecht. Was ist dann der positive Trainingseffekt beim Training bei Hitze, wenn wir mal von dem oben beschriebenen zweischneidigen Schwert des „abstumpfens“ absehen? Ob der Hund dabei wirklich etwas lernt ist fraglich.

Mantrailing bei Hitze auch im Einsatz fragwürdig

Übermäßige Hitze verwirrt die Sinne; nicht nur bei uns. Der Rettungshund ist nicht das einzige, sicherste oder letzte Einsatzmittel, um in Vermisstenfällen Hilfe zu leisten. Sie werden ohnehin oftmals viel zu spät gerufen.
Dies gilt umso mehr, da die klimatischen Bedingungen bei Hitze den Einsatzerfolg überproportional verschlechtern. Bei Hitze erreicht die Hundenase schnell die Grenzen der Leistungsfähigkeit. Im Einsatz ist daher oftmals die Frage, ob nicht zunächst besser andere Suchmittel eingesetzt werden sollten und die Hundenase in den kühleren Abendstunden oder am frühen Morgen eine höhere Erfolgswahrscheinlichkeit hat. Das hängt natürlich immer vom Einzelfall ab; der Vermisste wird oft bereits in wenigen 100 Metern Entfernung gefunden. Aber was nützt die Auskunft eines Hundeführers im Einsatz, der ohne Fund aufgrund der Hitze eigentlich keine verlässliche Aussage über das Suchergebnis seines Hundes machen kann? Verlässt sich die Einsatzleitung auf diese wenig hilfreichen Informationen? Was sind die Konsequenzen? Umso mehr spricht es dann dagegen, dass langatmige Einsatzszenarien bei Hitze im Training durchgespielt werden.

safetyfirstUnd noch eine Frage sollte sich ein Rettungshundeführer stellen: Wenn ich mir nicht sicher sein kann, wann mein Hund bei Hitze wirklich Schaden nimmt, setze ich im Notfall die Gesundheit meines Hundes aufs Spiel für das Leben eines Menschen? So denkt kein verantwortungsbewusster Rettungshundeführer. Safety first für alle Einsatzkräfte (dazu gehört auch der Hund), ist oberstes Gebot. Sicher zum Einsatz, sicher im Einsatz und alle kehren sicher aus dem Einsatz zurück. Menschen, die das nicht verstehen sind unzuverlässige Kräfte, auf die man gut im Ernstfall verzichten kann. (siehe dazu „Sicherheit im Einsatz des DRK Bildungsinstituts des LV Rheinlandpfalz, Folie 6)

Fazit: Pausieren lohnt sich doppelt

Das entscheidende ist, dass die Hunde die gesundheitsschädliche Überbelastung nach außen nicht zeigen. Für den Hundeführer ist der Gesundheitszustand seines Hundes in Extrembelastungen eine Nebelfahrt. Wenn man den Eisberg sieht, kann es zu spät sein. Zudem gibt es keine guten Gründe für ein Training mit unseren Hunden bei Hitze. Also lassen wir es doch einfach. Und als schöner Nebeneffekt: die Hunde haben nach der Hitzepause noch viel mehr Motivation mit uns zu arbeiten. Kürzlich haben wir nach langer Hitzepause mal wieder am kühlen Abend was kurzes im Wald gemacht. Und unsere Hunde sind mit doppelter Freude in der Arbeit so abgegangen, dass es eine wahre Pracht war. Die waren spitz auf Arbeit, wie Nachbars Lumpi!

Foto: By DFID – UK Department for International Development [CC BY 2.0], via Flickr